Unterm Rad: Zwanghaftes EssverhaltenDie gesunde Krankheit

 

"Die beste Krankheit nützt nichts, wenn man nicht gesund ist." Dieser Arbeitnehmerspruch passt in gewisser Weise auch auf ein Krankheitsbild, das sich seit ca. 10-15 Jahren immer stärker zu entwickeln scheint: Nach dem Rinderwahn der Gesundheitswahn.

Oder vielleicht doch "wegen" des Rinderwahns? Gegen gesundes Essen ist ja überhaupt nichts einzuwenden - ganz im Gegenteil. Wir alle müssen etwas dafür tun, dass wir möglichst keine krankmachenden Lebensmittel bekommen. Problematisch wird es jedoch dann, wenn das minutiöse Lesen der kleingedruckten Inhaltsangaben auf den Verpackungen eine Kaufentscheidung so erschweren, dass man sie nicht mehr treffen kann. Oder wenn die (fixe) Idee, dass alles biologisch, frisch etc. sein muß,  Essen unmöglich macht oder zumindest erheblich erschwert. Es soll sogar so weit gehen, dass Infizierte nicht mehr ins Restaurant gehen oder keine Einladung mehr annehmen, weil der Weg der Lebensmittel nicht verfolgt werden kann. Ein amerikanischer Arzt - Dr. Batman - hat die Krankheit, von der er selbst befallen war - erstmals benannt: Orthorexia nervosis, in Anlehnung an die Anorexia nervosis - die Magersucht.


Nun sind nicht alle überzeugt, dass hier wirklich ein eigenständiges Krankheitsbild zugrundeliegt. Bei der Vielzahl von Diäten, die sklavisch befolgt werden (meist ohne erkennbaren Erfolg), bei Makrobiotikern, Vegetariern (mit und ohne Fisch), bei Veganern und all den anderen, wird's einem aber doch himmelangst: Ersatzreligionen wohin man blickt, Lebensunfreude und/oder Ideologien und nicht wenige Missionare. Lasst uns das Essen (und Trinken) doch nehmen was es ist: Eine Lebensnotwendigkeit und wie es "Slow Food" formuliert, "bewusste Genießer und mündige Konsumenten [zu vereinigen], die es sich zur Aufgabe [machen], die Kultur des Essens und Trinkens zu pflegen und lebendig zu halten." Nicht zufällig heißt ein Treffen bei Slow Food denn auch "Convivium" (Gastmahl oder  Tafelrunde), was Genuss und Lebensfreude, die man mit anderen teilt, mit einschließt. Mehr dazu in der taz.

 

Was der Psychiater dazu meint:
 
Krankheiten erfinden - die dann anschließend behandelt (?) werden können - ist eine seit einigen Jahren sich verbreitende Unsitte, nicht nur der Pharma~ und Gesundheitsindustrie, jetzt wohl auch der Ernährungsapostel jeglicher Herkunft und die gewollte Alliteration mit der "Anorexia nervosa" ist böser Zynismus, wenn man die Schwere dieser ("echten") Erkrankung bedenkt...
 
Nicht jede Macke, selbst wenn sie zum Fanatismus mutiert, ist eine Krankheit, auch wenn es "krankhaft" erscheint...

(Wir danken  dem Psychiater Dr. Albrecht E. aus Kempten für diese Stellungnahme).

 

 

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